Floris

 


Man liebt seine Hunde alle, aber es gibt immer welche, mit denen man verbunden
den ist wie mit seinem Schatten, mehr noch, die fast in der eigenen Haut mit drin stecken. Floris gehörte zu den Hunden, die ganz tief in mir drin sind.

 Schon der Beginn seines Lebens war anders als üblich. Seine Mutter Samantha hatte unseren Warnsborn Robyn geheiratet, aber ersichtlich nicht aufgenommen. Da war nix drin,  Ultraschall gab es noch nicht, war aber auch nicht nötig. Klar, Samantha gehörte mehr zu der rundlichen Sorte, aber das hatte nichts mit Trächtigkeit zu tun, sie war eben eine erklärte Freundin von Lebensmitteln.


Tja, und dann kam der 26.11.1994, ein Samstag. Vormittags drang von unter der Treppe her ein irritierendes Geräusch in mein Ohr, so in etwa wie das empörte Piepsen eines verlassenen Mopsbabies. Wie das - wir hatten doch gar keine Mopsbabies?

 Doch wir hatten. Als ich nämlich doch etwas beunruhigt unter der Treppe nachsah, lag da ein dickes laut protestierendes Mopsbaby, ein kleiner Junge. Bei mir schaltete sich erst mal jedes Denken aus, ich stotterte nur in Gedanken: wwwwieso? Vvvon wwem??? Dann kam Samantha und kümmerte sich um ihr Kind. Sie hatte es wirklich selber zur Welt gebracht, ausgepackt und abgenabelt. Dass sie es gewesen war, konnte man deutlich an ihrem Hinterende erkennen.
Also ganz schnell Wurfkiste mit der üblichen Heizung aufgebaut und Samantha mit dem Kerlchen (es blieb bei dem Einen) darin untergebracht.
Am nächsten Tag passierte etwas Furchtbares: Samantha starb und hinterließ
uns das Waisenkind. Samanthas Tod ist eine sehr schlimme eigene Geschichte, die hier nicht hin gehört.
Von Stund war ich also Mopsmutter des Einzelkindes  eigentlich überhaupt kein Problem. Bei uns im Gericht waren zwar keine Hunde erlaubt, aber ich arbeitete in einem Einzelzimmer und so ein Winzling ließ sich ohne jede Schwierigkeit an den Pförtnern vorbei schmuggeln. Babybett mit Wärmflasche und Welpenmilch waren im Büro deponiert, ganz unauffällig hinter meinem Schreibtisch, so dass auch keinem Besucher etwas auffallen konnte.

 Ein einziges Mal war ein junger Mann etwas verunsichert. Er hörte einen ganz leisen Piepston und zog mit verlegenem Gesicht sein Handy aus der Tasche, um es abzustellen. Kopfschüttelnd stellte er fest, dass es gar nicht eingeschaltet war. Da aber damals Handys noch nicht zur Standardausrüstung junger Leute gehörten, schob er das Piepsen auf die Tücken der neuen Technik und ich sah keine Veranlassung  ihm zu widersprechen.


Floris wurde zu Hause von mehreren Tanten adoptiert, die voll auf sein perfektes Kindchenschema abfuhren. Ihnen ging es wie mir, ich war ganz sicher, dass wir noch nie so ein süßes Baby gehabt hatten. Ganz schnell stand fest, dass er unverkäuflich war.
Als er größer und erwachsen wurde, zeigte sich sein ausgeprägter Charme immer und bei jeder Gelegenheit. Er brauchte keine Braut lange zu überreden, wenn er sie harmlos mit einem Augenzwinkern anlächelte, vergaßen sie die Umwelt. Mit der Rangordnung im Rudel hatte er nie Probleme. Wozu eine Führungsrolle? Das machte nur Arbeit. Futter gab es immer, die Weiberchen kamen von weither nur zu ihm  und Frauchen hatte er doch sowieso. Mit der war doch verschweißt seit seiner Geburt. Wozu also Ärger machen?


Als er älter wurde, zeigten sich die Anzeichen der Spondylose, dieser schrecklichen Krankheit, die auf Dauer zu einer kompletten (allerdings schmerzfrei verlaufenden) Lähmung führen kann. Auf dem Sommerfest 2005 konnte Floris trotz seiner schon heftigen Beeinträchtigung seinen Fan-Kreis noch stark verzaubern. Das rührende kleine alte Männlein hatte immer noch soviel Ausstrahlung, dass ihm erwachsene Männer zu Füßen fielen. Jeder sah, dass er noch unglaublich viel Lebensfreude in sich trug und sich noch an ganz vielem erfreuen konnte. Er blieb auch wichtiges Meutemitglied, die anderen stapelten sich zum Schlafen um ihn herum.
Als er gar nicht mehr laufen konnte, organisierten wir sein Leben um. Er hatte ganz bestimmte Belltöne, mit denen er uns seine Wünsche übermittelte. Auch wenn wir ihn nicht sahen, hörten wir, ob er Hunger hatte, trinken wollte, eine frische Inkontinenzeinlage in sein Körbchen oder einfach nur auf den Arm wollte. Auch nicht ganz unvoreingenommene Besucher begriffen ganz schnell, dass dieses kleine Leben noch nicht beendet werden musste.
Er hatte noch viel zuviel Freude daran. Kurz nach seinem 11. Geburtstag ging es dann ganz schnell zu Ende. Ohne tierärztliche Hilfe hörte sein Herz auf zu schlagen.

 

(Inge Weßling)

 

 

 

 

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