
Die letzte Reise
Im Februar 1996 wurde in Canada ein Welpe geboren, er hatte sicher Geschwister,
wenn die Zahl auch unbekannt ist.
Leider wurde er nicht geliebt und so landeten er und seine Geschwister schon im
Alter von vier Wochen in einem Tierladen im Schaufenster.
Die Geschwister waren schnell verkauft, dieser kleine Rüde aber sah anders aus,
nämlich gestromt - und das gefiel niemandem.
Im
Alter von 16 Wochen sass er immer noch mutterseelenallein in diesem
Schaufenster, ohne Kontakte zu Hunden oder Menschen, gleissendem
Scheinwerferlicht und ewig gleich dahinwimmernder Musik ausgesetzt.
Die Ladenbesitzer setzten seinen Preis drastisch herab, um ihn endlich
loszuwerden.
Es
klappte! Der kleine Mann wurde von einer Frau gekauft, die mit ihrem Säugling in
Halifax im vierten Stock lebte. Tagsüber ging sie einige Stunden zur Arbeit,
überliess die beiden hilflosen Wesen sich völlig allein. Wenn sie müde
zurückkam, schrie das Baby, der Welpe hatte zahlreiche Seen und Haufen
hinterlassen und etliche Dinge zerstört. Dafür musste er bestraft werden! Prügel
würde schon helfen....
Der kleine Hund wuchs heran, er hörte auf den nicht sehr originellen Namen Jake.
Die Verhältnisse wurden immer schlimmer und so landete Jake im Alter von 5 Mon.
im Tierheim. In einer Einzelzelle 1 x 1,50 m klein.
Jakes Eltern waren ein American Staffordshire und ein Beagle - sicher nicht die
beste Mischung... Im Tierheim fiel er dadurch auf, dass er alles, was in die
Zelle gebracht wurde, rigoros zerstörte. So sass er bald auf dem blanken Beton.
Seine Energie staute sich auf, er wollte laufen und graben und müde werden.
Statt dessen starten Leute in die Zelle und glotzten ihm frech in die Augen.
Ohnehin nicht sehr selbstsicher, bekam er es mit der Angst zu tun und gewöhnte
sich an, in die hinterste Ecke zu gehen und zu fletschen.
Damit war sein Todesurteil gesprochen. Aggressive Hunde werden in Canada nicht
vermittelt.
Zu
dieser Zeit betraten Jochen und ich zum ersten Mal dieses Tierheim am "Tag der
offenen Tür" am 8.Dezember 96.
Und gleich in der ersten Box, in die ich schaute, sass Jake und fletschte mich
an. Es war Liebe auf den allerersten Blick. Ich konnte diesen Hund nicht
vergessen und verliess unter Tränen ob der schrecklichen Haltungsbedingungen das
Tierheim.
Aber ich kam wieder. Ich führte Jake aus. Dieses Energiebündel zerrte mich über
Stock und Stein, wenn ich ihn wieder verliess, gelten seine lauten hysterischen
Schreie über die Flure und den Hof. Bald gewöhnte er sich an, diese Schreie auch
auszustoßen, wenn er mich kommen hörte.
Ich
erliess die Order, dieser Hund dürfte auf keinen Fall getötet werden, ich würde
mich um ihn kümmern.
Und so beschlossen wir, ihn zusätzlich zu unseren damals sieben Hunden mit nach
Deutschland zu nehmen und ihm ein neues Zuhause zu suchen.
Immerhin noch drei Monate bis zur Abreise nach Deutschland, aber dieser Hund
wurde von niemandem adoptiert und drehte langsam im Tierheim durch.
Und so zog er am 4.Januar 1997 bei uns ein.
Unser Rudel nahm ihn freudig auf, Jake lebte sich erstaunlich gut ein und so kam
es, dass ich das Thema Vermittlung in Deutschland nicht mehr erwähnte.
Als Jochen dann eines Abends sagte: Also, diesen Hund vermitteln wir nur an
einen Blinden mit Holzbein, da war ich überglücklich. Also auch Jochen war dem
Charme dieses wunderschönen Hundes erlegen.
Wir hatten riesige Probleme, ihn am Spur verfolgen zu hindern. Er lernte sehr schnell, war aber so unglaublich intelligent, dass er jede Situation schon im voraus richtig einschätzen konnte und sich entsprechend verhielt.
Diesem Hund war ich völlig erlegen, er durfte neben mir auf dem Kopfkissen schlafen, er war immer neben mir, brüllte weiterhin bei Begrüssungen und sprang begeistert wie ein echter Staffordshire meterhoch vor Freude.
Wir
führten ein gutes Leben, bis: ja, bis unser Rudelführer Donny im hohen Alter
starb und das inzwischen achtköpfige Restrudel führungslos war.
Es gab niemanden ausser Jake, der sich für dieses Amt bestimmt hielt. Und so
wurde er Rudelführer. Ein Schrecklicher, der Angst und Schrecken verbreitete. Er
biss bei kleinster Gelegenheit fast jeden der anderen Rüden. Er duldete nichts,
keinen Körperkontakt, nicht einmal Blickkontakt.
Alle Hunde lernten relativ schnell: Sie wagten sich nicht mehr in den Flur, wenn
er dort stand. Sie hatten Angst, sich in Räumen zu erheben usw.
Ich probierte alles aus: den Hund "zusammenfalten", ihn ermahnen, er bekam auch
einige wenige Male Prügel (worauf er wie alle Staffordshire noch viel wilder und
bissiger wurde). Das Ende vom Lied: Es gab gewisse Regeln für das Rudel und ich
selber bekam ihn nur kontrollierbar durch absolute Ignoranz. Wenn ER kam, sah
ich ihn nicht, natürlich durfte er schon lange nicht mehr auf gleicher Höhe mit
mir schlafen, teilweise schlief er nachts auch in einer Flugbox, da er alles,
was sich bewegte und hündisch war, angriff und verletzte.
Es spielte sich ein, war aber für uns alle ein recht stressiges Leben. Dieser
überhaupt nicht sozialisierte Rüde konnte nicht anders, er war völlig
überfordert mit der Leitposition. Menschen liebte er nach wie vor, nur Hunde
waren ein Problem.
Etliche Male dachte ich an ganz schwarzen Tagen an Euthanasie. Aber wie auch
schon bei seinen Vorgängern, extrem schwierigen Hunden, war ich genau diesen
Hunden mit Haut und Haar verfallen.
Ich fing sogar an, mich über die Blödheit der gebissenen Hunde zu ärgern, die
einfach nicht begriffen, wie es zu laufen hatte.
Nun
hatte ich bis Sonntag, dem 21.7. dieses Jahres eine Vermittlungshündin
ausnahmsweise nicht im Hundehaus, sondern sehr eng mit uns allen zusammen im
Haus. Bedingt durch eine Wunde liess es sich nicht vermeiden. Und wie alle
Hündinnen neigte auch diese recht dominante Dame dazu, um die Rudelführerrolle
zu kämpfen.
Anfänglich kein Problem: kam es nachts wegen der Bewegung eines Hundes zu einem
Angriff von Jake auf eben jenen Hund, ging Nina einfach dazwischen und sorgte
für Ruhe.
Das klappte einige Male, einmal jedoch nicht und Jake platze die Hutschnur. So
kam es zu einem so handfesten Kampf, dass beide eher an einen Schweizer Käse
erinnerten und als ich sie endlich getrennt hatte, jeder in seinem Zimmer vor
sich hin humpelte.
Jake fing an, sein Futter nicht mehr ganz zu fressen... Das ist etwas SO
unglaubliches, dass es mich unruhig machte. Ich dachte an Frustation oder eine
Infektion. Er ermüdete schnell, nach einem Spaziergang schlief er tief und fest.
Und das bei einem Hund, der in den canadischen Wäldern stundenlang jagen und
dazu laut brüllen konnte und nach Hause kam und nicht einmal hechelte.....
Heute nun war der Tag, an dem ich ihn röntgen liess. Und der Befund war sehr
sichtbar: ein riesiger Schatten. Das Ergebnis aus dem Labor brachte Gewissheit:
Ein Leberkarzinom im Endstadium....
Dieser wunderbare Hund, der glücklich war, mit mir ganz alleine auf Tour sein zu können und friedvoll grunzte, sollte nur noch ca. 10 Tage Lebenszeit haben.
Ich, die ich so oft diesen Mistkerl am liebsten eigenhändig erschlagen hätte,
ich sollte ihn im Alter von nur sechseinhalb Jahren verlieren?
Nochmalige Aufnahmen liessen keine Fehldiagnose zu. Aber ich wollte ihn nicht
aus der Narkose getötet haben.
Wir kamen nach Hause, er legte sich zufrieden, aber müde auf sein Hundebett und
genoss im nachhinein den Ausflug. Dabei grunzte er wie immer laut und glücklich.
Und für mich wurde es Zeit, diesen so besonderen, schwierigen, einzigartigen, von Menschen so verdorbenen, wunderschönen, sanften, aggressiven, lauten, nervösen, aber auch in sich ruhenden, wilden, kraftvollen, nie zu ersetzenden Rüden auf seine letzte Reise zu schicken.
Er merkte nichts, lag völlig entspannt und glücklich in meinen Armen und wird auf mich warten, am Ende des Regenbogens.
Birgit Schmidt